
Sport ist das Spielfeld des Fairplay. Das ist einer der Gründe, warum er Millionen Menschen fasziniert und warum Eltern ihre Kinder Sport treiben lassen: Dort können wir lernen, wie man sich mit fairen Mitteln auseinandersetzt.
Umso schwerer wiegt es, wenn in diesem vielbeachteten, für viele Menschen charakter- und meinungsbildenden Umfeld der Respekt verlorengeht. So geschah es bei einem Champions League Playoff-Match zwischen Real Madrid und Benfica Lissabon vor einigen Wochen. Benficas Gianluca Prestianni hielt sich das Trikot vor den Mund und redet so auf Reals Vinicius Junior ein. Dieser stürmt daraufhin aufgebracht zum Schiedsrichter und erklärt, soeben rassistisch beleidigt worden zu sein. Dabei soll mutmaßlich das Wort „Affe“ gefallen sein – eine der klassischen rassistischen Tropen. Das Spiel wird für zehn Minuten unterbrochen. Anschließend leitet die UEFA ein Untersuchungsverfahren ein.
Nach der Partie nimmt Benfica-Coach José Mourinho seinen Spieler in Schutz: Vinicus Junior hätte sich eben „nicht mit 60.000 Menschen in diesem Stadion anlegen“ sollen. Damit spielt er auf die Art an, wie der Real-Spieler bei seinem vorgelagerten Tor gejubelt habe. Und im Übrigen sei es nicht fair, seiner Mannschaft Rassismus vorzuwerfen – schließlich sei mit Eusebio einer ihrer legendärsten Spieler schwarz gewesen.
Bei einer Pressekonferenz vor dem Heimspiel seiner Mannschaft gegen Frankfurt wird Bayern-Coach Vincent Kompany nach seiner Einschätzung des Vorfalls gefragt. Und er nutzt die Bühne für eine Klarstellung, die um die Welt gehen wird. „Es ist noch schwieriger, über diese Dinge zu sprechen, als es in der Vergangenheit war“, beginnt Vincent Kompany seinen Monolog, der in einen leidenschaftlichen Appell gegen Rassismus münden wird. Sobald er seine Argumentation beginnt, fällt auf, wie unaufgeregt und sachlich er die Situation analysiert und dabei zwischen verschiedenen Akteuren differenziert, anstatt alles über einen Kamm zu scheren: „Zuerst ist da das, was auf dem Platz passiert. Als Zweites das, was mit den Fans im Stadion passiert. Als Drittes das, was nach dem Spiel passiert. Bei diesen drei Dingen müssen wir klar unterscheiden.“
Zu den Geschehnissen auf dem Feld liefert er eine differenzierte Analyse, die er mit objektiven Beobachtungen zu untermauern versteht. Dasselbe gilt für das Verhalten einiger radikaler Benfica-Fans, die auf die Zäune klettern und Vinicius mit Affengesten verspotten. Den eigentlichen Fokus aber legt der Coach, der in seiner Spieler-Karriere selbst immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war, auf das, was nach dem Spiel geschehen ist – das Verhalten von José Mourinho, der in seinen Augen ein mutmaßlich rassistisches Verhalten blind unterstützt hat. Statt die Gelegenheit zu nutzen, um sich von Rassismus zu distanzieren, versuchte er das Opfer charakterlich zu diskreditieren, um dessen Vorwurf zu entschärfen. „In Bezug auf Leadership ist das ein riesiger Fehler und etwas, das wir nicht akzeptieren sollten. Da bin ich sehr klar.“ Nicht minder manipulativ schätzt Kompany die Erwähnung Eusebios ein: Es sei falsch, dessen Namen zu nutzen, um sich und seinen Spieler vom Vorwurf des Rassismus reinzuwaschen – denn was dieser als schwarzer Spieler in den 60ern habe aushalten müssen, könne Mourinho wohl kaum einschätzen.
Hier ist der Punkt, wo Kompany vom eigentlichen Vorfall abstrahiert und den Fokus auf die Art lenkt, wie diese Debatte geführt werde. Sein portugiesischer Trainer-Kollege, so verstehe ich Kompany, habe mit seinem Verhalten die Polarisierung noch angeheizt, die sich schon im Stadion abzeichnete: „Ich will nicht Teil der einen oder anderen Gruppe sein. (…) Ich fände es großartig, wenn es am Ende einer solchen Situation noch einen Raum gibt, wo sich jemand entschuldigen kann und sagen kann: Es tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht. (…) Aber wir schließen all diese Optionen aus, indem wir alles als Links und Rechts, Schwarz und Weiß inszenieren und du dich entweder auf die eine oder die andere Seite schlagen musst.“
Er selbst habe erlebt, wie schnell Politik ins Spiel komme, um ungeliebte Storys im Keim zu ersticken, als er sich bei einem Spiel als Nationalmannschaftskapitän in Belgien über rassistisches Verhalten ihm gegenüber beschwerte. Konsequenzen, so Kompany, blieben damals aus. So gehe es jemandem wie ihm, der eine Stimme habe. „Was denkt ihr, passiert den Menschen, die keine haben?“
Kompanys Schlussfolgerung ist ein Appell, der weit über den Fußball hinaus resoniert: „Das Problem ist nicht unbedingt der Vorfall selbst. Das Problem ist, wie damit umgegangen wird. (…) Was es bräuchte, um enger zusammenzuwachsen, ist Zeit und Bemühen. Es passiert aber genau das Gegenteil. Man wird in eine Schublade gesteckt, die anderen werden in eine andere Schublade gesteckt, und man wächst immer weiter auseinander.“
Binnen Stunden werden Kompanys Aussagen weltweit Aufmerksamkeit erregen. Das ist, neben den konkreten Aussagen des Bayern-Trainers, das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Statement: Kompany beteiligt sich nicht nur an der öffentlichen Diskussion über dieses wichtige Thema – er verändert die Art, wie die Debatte geführt wird. Nicht mit seiner klaren Stellungnahme in der Sache allein bewirkt er etwas, sondern indem er die Debattenkultur in den Fokus rückt. Vincent Kompany hat die Berichterstattung über diesen Vorfall vom Kopf auf die Füße gestellt. Damit hat er der Empörungs-Spirale die Luft aus den Segeln genommen und eine differenzierte Diskussion angestoßen, die zuvor von gegenseitigen Schuldzuweisungen blockiert war. In Summe zeigt die Rede des Trainers in Wort und Form, worauf es in dieser Debatte eigentlich ankommen sollte: den Rassismus zu bekämpfen, nicht Lager zu bilden und Menschen gegeneinander auszuspielen.
Daran können wir alle uns ein Beispiel nehmen. Denn bei vielen aktuellen Themen kristallisiert sich genau das als eigentlicher Brennpunkt heraus: Nicht, was wir sagen, lässt das gesellschaftliche Klima zunehmend verrohen. Es ist die Art, wie wir es sagen und wie wir die Debatten framen, die für so viel Leid, Frustration und Resignation sorgen. So bringt man Debatten auf Kurs: indem man den Schlagabtausch beendet und klarstellt, worum es eigentlich geht. Und indem man die Menschen nicht in Schubladen steckt, sondern Versöhnung anstrebt.
Vincent Kompany hat den Weg der Vernunft und des Respekts gewählt und dafür weltweit Gehör bekommen. Es gibt also einen Pfad durch das Gebrüll, ein Mittel gegen die Polarisierung, eine Chance auf Verständigung. Wir müssen uns nur entscheiden, uns der Lagerbildung zu entziehen. Wir müssen aufhören, uns von den Brandstiftern anzünden zu lassen. Und wir müssen darüber reden, wie wir miteinander reden – ruhig, besonnen und unermüdlich.
Der Wunsch nach Vernunft eint uns. Es ist Zeit, dass wir danach handeln. Gewalt hat immer nur eine Chance, wenn wir uns dafür entscheiden. Mit dem Frieden ist es genauso.
Die gesamte Rede von Vincent Kompany können Sie u. a. hier anschauen.




