Hören Politiker uns eigentlich zu?

Wir werfen unseren Politikern ja gern vor, dass sie uns nicht zuhören. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beweist nun das Gegenteil. Die weitreichende Kritik an der aktuellen Regierungskommunikation scheint irgendwie durchgedrungen zu sein. Das ist – und das meine ich jetzt nicht ironisch – eine gute Nachricht.

Auf den ersten Blick klingt die Meldung zwar, als ob die Nachrichten jetzt von der Satire-Redaktion verfasst werden: Katherina Reiche bekommt eine Art Sympathie-Beratung. Eine Ministerin, die ohnehin unter Beobachtung steht, weil sie von vielen als kühl, wirtschaftsnah und energiepolitisch rückwärtsgewandt wahrgenommen wird, kauft sich professionelle Zuwendung für die persönliche Wirkung – auf Staatskosten. Noch einmal, weil es so schön ist: um sympathischer zu wirken.

Die Fakten in aller Kürze: Reiche lässt sich seit Februar von den Agenturen Scholz & Friends und FGS Global beraten. Offiziell geht es dabei nicht nur um klassische Pressearbeit, sondern um strategische Kommunikationsberatung, die Entwicklung von Kommunikationskonzepten, die Positionierung in öffentlichen Debatten, die Erstellung von Inhalten und die Begleitung von Kampagnen. Der Vertrag läuft zunächst zwei Jahre und kann zweimal um jeweils ein Jahr verlängert werden. Die Kosten liegen laut Berichten bei bis zu 2,2 Millionen Euro netto pro Jahr. Wird die maximale Laufzeit ausgeschöpft, summiert sich das auf rund 8,8 Millionen Euro.

Auch wenn die Versuchung groß ist, darüber zu sinnieren, warum dieser Auftrag an zwei politik- und wirtschaftsaffine Beratungsagenturen übergeben wird, anstatt an einen Rhetorik-Trainer (für den Betrag hätte ich vielleicht darüber nachgedacht): Betrachten wir das ganze lieber aus Sicht der Kommunikation. Denn alles, was ab hier folgt, ist exemplarisch gemeint: Es gilt für jeden, der manchmal unangenehmen Entscheidungen oder Botschaften vermitteln muss – Führungskräfte, Eltern, Liebende und alle anderen. Denn Politikvermittlung, auch wenn es nicht immer danach aussehen mag, ist im Kern professionelle Kommunikation: ein Dialog zwischen Regierung und Bürgern. Und wie in jedem anderen Dialog sollten die Rückmeldungen in beide Richtungen fließen. Kritik eingeschlossen. Das scheint jemandem aufgefallen zu sein. So weit, so gut.

Mal davon abgesehen, dass schon der Auftrag an sich in dieser Form und zu diesen Kosten auf den Sympathiewert genau die gegenteilige Wirkung haben wird: Warum genau ist diese Beratung denn überhaupt erst nötig geworden? Ich hoffe, dass jemand das gefragt hat, bevor der Vertrag unterzeichnet wurde. Ich habe da meine Zweifel.

In der klassischen Rhetorik gibt es drei große Überzeugungsmittel: Logos, Pathos und Ethos. Logos ist die sachliche Argumentation. Pathos ist die emotionale Bewegung. Ethos ist die Glaubwürdigkeit der Person, die spricht. Politik tut oft so, als ginge es nur um Logos: Zahlen, Gesetze, Programme, Sachzwänge. In Wahrheit entscheidet Ethos fast immer mit. Wer spricht? Aus welcher Haltung? Mit welchem Menschenbild? Mit welchem Ton?

Pathos ist in der Politikvermittlung die Fähigkeit der Regierenden, die Menschen zu nötigen Veränderungen und Reformen hinzuführen. Das funktioniert nur, wenn eine emotionale Verbindung besteht: Kann ich mich mit diesem Absender und seinen Zielen für unser Land identifizieren? An der Überzeugungsfähigkeit, die dafür notwendig ist, kann man arbeiten, ja, ebenso wie an der Vermittlung des Logos. Sympathie ist eine Brücke zum Ethos, über die das Pathos gehen kann. Sympathie setzt daher voraus, dass der Absender erst einmal Anschluss an die Menschen findet, an die er sich wendet. Eine Ministerin muss nicht Everybody’s Darling sein. Aber sie muss vermitteln können, warum ihre Entscheidungen mehr sind als Interessenpolitik mit Behördensiegel.

Dafür Beratung in Anspruch zu nehmen, ist kein Skandal. Im Gegenteil: Lernen ist erlaubt. Auch Politikerinnen dürfen dazulernen – und ich applaudiere jedem Bürgervertreter, der bereit ist, seine Meinung oder sein Auftreten zu ändern, wenn eine neue Realität es erfordert. Und neue Realitäten gibt es gerade viele.

Kontraproduktiv wird diese Art von Beratung, wenn die Kommunikation nicht als Arbeit an der Haltung verstanden wird, also Arbeit am Ethos – sondern als Kampagne. Wenn Politik nur fragt: Wie bekomme ich dieselbe Botschaft freundlicher verpackt?, wirkt die Selbstreflexion, die ich Katherina Reiche eingangs unterstellt habe, zynisch. Denn damit wird der Eindruck erweckt, dass es nicht um den Wunsch nach Verständigung geht, sondern ums Image – nicht Ethos, sondern Fassade.

Dass Kommunikation in der Politik heute professionell sein muss, ist selbstverständlich. Politik muss erklärt werden – denn wenn die Politiker es nicht tun, tut es jemand anders. Politikvermittlung muss übersetzen, Widerspruch integrieren und Menschen mitnehmen, gerade wenn Zumutungen bevorstehen. Wer das nicht kann, verliert heute sehr schnell mehr als Zustimmung, nämlich seine Legitimation.

Ich kritisiere das oft, weil wir es mit dem Zweifeln übertreiben. Politiker haben einen brutalen Job, und wir machen es ihnen immer schwerer. Kaum ändern sie ihre Meinung mal aus guten Gründen, werfen wir es ihnen vor. Ändern sie ihre Meinung nicht, werden sie eben dafür verurteilt. Das ist nicht demokratisch; wir dürfen kritisieren, aber nicht vorschnell verurteilen.

Doch Politiker können dem vorbeugen, indem sie uns denselben Respekt erweisen. Womit wir bei Friedrich Merz und seiner Rentenkanone wären: Die gesetzliche Rente, verkündete der Kanzler kürzlich, werde künftig allenfalls noch eine Basisabsicherung sein und nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern. Diese Aussage steht im Kontext anderer Aussagen: dass wir mehr arbeiten müssen, zum Beispiel.

Falsch mag das nicht sein, im Sinne des Logos. Aber welches Pathos, welche emotionale Bewegung erwartet der Kanzler mit dieser Aussage zu erzeugen?

Statt es so zu formulieren, wie er es getan hat, kann man konstruktiv über die drei Säulen der Altersvorsorge reden: gesetzlich, betrieblich, privat. Man kann sagen: Wir müssen die betriebliche und private Vorsorge stärken, damit Menschen im Alter Sicherheit haben und ihren Lebensstandard halten können. Das wäre inhaltlich mindestens genauso richtig.

Doch so hat der Kanzler es nicht gesagt, sondern so: „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“. „Basisabsicherung“ ist ein Wort, das nicht nach sicherer Zukunft klingt, sondern nach sozialem Absturz. Es riecht nach Grundsicherung, Existenzminimum und dem regelmäßigen Verdauungsspaziergang mit Rollator auf Amtslinoleum. Es sagt nicht: Wir bauen etwas auf. Es sagt: Gewöhnt euch an weniger. Also, um den Kontext wieder ins Bild zu holen: weniger dafür bekommen, dass wir verdammt noch mal mehr arbeiten sollen.

Natürlich darf Politik nicht nur die angenehmen Wahrheiten aussprechen. Aber sie hat durchaus die Pflicht, die unangenehmen Wahrheiten in Perspektiven zu übersetzen, die wir verstehen können – und an denen wir mitzuwirken bereit sind. Sagen Sie Ihrem Kind mal, es soll verdammt noch mal seine Hausaufgaben machen, dann gibt es zur Belohnung eine Stunde weniger Online-Zeit und Spinat zum Dessert.

Strengt euch halt an, sorgt halt selbst vor, macht ihr doch mal unseren Job: Das ist kein Stilproblem, das ist ein Ethosproblem. Es lässt uns am Rollenverständnis zweifeln, nicht einfach an der Wortwahl. Arbeitenden Menschen Faulheit vorzuwerfen, erzeugt keine Reformbereitschaft, sondern Trotz, Angst und Verachtung. Da kann man hinterher klarstellen, wie man will: Die Glaubwürdigkeit entscheidet mit über den Erfolg der Botschaft, und die setzt beim Ethos an. Das spüren die Menschen – wenn man gut vermittelt, und wenn man schlecht vermittelt. In der Rhetorik bleibt nicht das hängen, was der Absender vielleicht gemeint hat – sondern das, was der Empfänger gehört hat.

Sympathie ist eine Brücke zum Ethos. Wenn die nach Mordor führt, nützen die niedlichen Hobbits in der PR-Kampagne nicht viel.

Ich bin bereit zuzuhören, was als nächstes gesagt wird. Wir alle dürfen uns diese Offenheit bewahren. Vielleicht wird die Beratung Katherina Reiche vermitteln, was Politik so oft nicht vermittelt: Kommunikation ist nicht die Verpackung der Wahrheit, sondern ein Teil der Wahrheit.

Die Lehre aus alldem ist unbequem einfach: Politik braucht bessere Sprache nicht, um unangenehme Politik sympathischer zu machen. Sie braucht überzeugende Vermittlung durch glaubwürdige Absender, damit notwendige Maßnahmen verstanden werden. Eigentlich wäre das ganz einfach: die Probleme erklären, anstatt die Menschen zum Problem, und um Kooperation werben. Genau darum geht es bei wirkungsvoller Rhetorik, Politikvermittlung eingeschlossen.

Sympathie braucht man dafür nicht unbedingt. Glaubwürdigkeit schon.

< Zurück zum Blog

Sie interessieren sich für einen Vortrag?

Lassen Sie einen Mann zu Wort kommen, der andere die Kunst der Rede lehrt: René Borbonus

Sie interessieren sich für einen Vortrag?

Lassen Sie einen Mann zu Wort kommen, der andere die Kunst der Rede lehrt: René Borbonus

Offene Trainings: Überzeugungskraft ist spürbar

Lernen Sie überraschende Rhetorik und gewinnen Sie Souveränität
in drei Schritten

Offene Trainings: Überzeugungskraft ist spürbar

Lernen Sie überraschende Rhetorik und gewinnen Sie Souveränität
in drei Schritten

Aktuell

Zukunftskompetenz Zuhören
9. September 2026
Die Kraft, die in der Hoffnung liegt
17. März 2026
Vincent Kompanys bewegendes Plädoyer gegen Rassismus
16. März 2026

Der Communico-Newsletter

Der Communico-Newsletter.

Mit Content, der Kommunikation auf ein neues Level hebt.
Nur 5x im Jahr.

Bitte füllen Sie das Pflichtfeld aus.

Anstehende Veranstaltungen

Alle Veranstaltungen