Die Geschichte eines Europäers, die Geschichte Europas

Eine von vielen Ideen, die in das große Mosaik narrativer Splitter unserer Zeit Eingang finden, ist die sich ständig verändernde und zunehmend vielstimmig diskutierte Idee der europäischen Einheit. Einer ihrer Architekten insbesondere auf finanzpolitischer Ebene war der am zweiten Weihnachtsfeiertag 2023 verstorbene Wolfgang Schäuble – mehrfacher Bundesminister, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, Präsident und Alterspräsident des Bundestags und mit 51 Jahren Zugehörigkeit zugleich dienstältester Abgeordneter in der Geschichte nationaler deutscher Parlamente überhaupt.

Ein Staatsdiener dieses Formats verdient einen besonderen Trauerredner – in diesem Fall keinen Geringeren als den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. In seiner Rede bemühte sich das Staatsoberhaupt, einem der Architekten des europäischen Modells und insbesondere der Währungsunion ein Denkmal zu setzen, indem er dessen Lebensgeschichte mit der Geschichte der Europäischen Union verwob. In den Blickpunkt rückte er dabei insbesondere die deutsch-französische Freundschaft, die Schäuble zeitlebens für das Rückgrat eines geeinten Europas gehalten hatte.

Dabei machte der Staatspräsident der Französischen Republik von rhetorischen Strategien Gebrauch, die das einzelne politische Leben auf interessante Weise in einen größeren historischen Kontext einflochten. Sie eignen sich als Werkzeuge, um rhetorisch einen großen Bogen zu spannen. Das ist eine Errungenschaft, um die sich – jenseits populistischer Manipulationsversuche – nicht nur die politische Rhetorik in diesen Zeiten viel zu selten bemüht.

An Macrons Vorgehensweise können wir uns ein Beispiel nehmen, wann immer es ein übergreifendes Narrativ zu vermitteln gilt – sei es bei Jubiläumsansprachen, Firmenevents, Trauerreden oder jeder anderen Art von Vortrag, bei der es um die Einordnung von Personen oder Ereignissen in ein größeres Ganzes geht.

Die Trias als rhetorische Klammer

Als stilistische Klammer seiner Rede wählte Emmanuel Macron eines der Universalwerkzeuge aus dem Arsenal der rhetorischen Mittel: die Trias. In diesem Fall nutzte er einen Dreischritt, um in wenigen Worten die Tragweite von Wolfang Schäubles Biografie und von dessen Verlust für die politische Welt zu skizzieren:

„Deutschland hat einen Staatsmann verloren. Europa hat eine Säule verloren. Frankreich hat einen Freund verloren.“

Den Ausklang der Rede bildete eine weitere Trias, die gleichermaßen als Fazit wie als Aufruf zur Weiterführung des Lebenswerks von Wolfang Schäuble in der europäischen und deutsch-französischen Zukunft gelesen werden kann:

„Es lebe Europa! Vive l’Europe! Es lebe Deutschland! Vive l’Allemagne! Es lebe die deutsche-französische Freundschaft! Vive l’amitié entra la France et l’Allemagne!“

Besonders an Punkten höchster Aufmerksamkeit wie dem Beginn und dem Schluss einer Rede eingesetzt, kann eine Trias die Erinnerung an eine Rede prägen, denn gut formuliert bleibt sie oft lange in Erinnerung. Bei einer Rede, die dem Gedenken an eine bedeutende Persönlichkeit gewidmet ist und zugleich eine wichtige Lektion aus dieser besonderen Biografie ziehen möchte, ist die Trias deshalb eine sehr geschickte Wahl.

Personale Analogie und biografische Analogie

Auch Macrons Einsatz von Analogien ist lehrbuchhaft und unkonventionell zugleich. Die biografische Analogie von der Person Wolfang Schäuble zur Geschichte der deutsch-französischen Freundschaft ist ebenso prägnant wie emotional, denn sie macht Geschichte lebendig und das Vermächtnis Schäubles anschaulich:

Frankreich war für ihn als Kriegskind zunächst nicht mehr als ein Wort, das für dramatische Ereignisse stand, für Schlachten, Tote und Zerstörungen. {…} Dann erlernte er die französische Sprache. {…} Er las Albert Camus ebenso wie Hannah Arendt. Er liebte Catherine Deneuve ebenso wie Karin Dor und Jeanne Moreau ebenso wie Maria Sebaldt. Später kamen Reisen, die Lichter von Paris, aber auch die endlosen weißen Gräber auf den Militärfriedhöfen der Vogesen. Und darauf folgte ein Satz aus dem Mund von General de Gaulle, der sich 1962 auf Deutsch an die deutsche Jugend von Ludwigsburg wandte, in „seinem“ Land Baden-Württemberg: „Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes.“ Diese Worte prägten ihn. Diese Worte, die Taten waren, weil sie freisprechen und versöhnen, weil sie die Zukunft beider Länder wieder verknüpfen.“

Eine weitere Form der Analogie, die ebenfalls narrativen Zwecken folgt, ließe sich als „personale Analogie“ bezeichnen: Bereits in den ersten Minuten seiner Rede vergleicht Macron den verstorbenen Deutschen mit einem anderen europäischen Vordenker seiner Generation, der nur einen Tag nach Schäuble ebenfalls an Weihnachten 2023 verstorben war, dem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jaques Delors:

Nacheinander hat Europa zwei seiner großen Vordenker verloren, Jacques Delors und Wolfgang Schäuble. Zwei Staatsmänner, die für ihre Länder und für Europa alles gegeben haben. Zwei Staatsmänner, zwei Leben als Bindeglieder, als Vermittler. Auf der einen Seite der Enkel eines Schreiners aus dem Schwarzwald, auf der anderen der Enkel eines Landwirts aus dem Massif Central. Zwei Finanzminister, zwei Gründerväter der europäischen Einigung und der Aussöhnung der Völker. Zwei Männer mit der gleichen intellektuellen Aufrichtigkeit und demselben Verantwortungsbewusstsein. Sie sind im Abstand einer Nacht von uns gegangen, und unser Herz als Europäer trägt nun zweifache Trauer.“

Emmanuel Macrons nutzt diese verschiedenen Formen erzählerischer Analogien, um ein politisches Narrativ zu knüpfen: das eng verwobene Bündnis zwischen Deutschland und Frankreich als Ankerpunkt der europäischen Einheit. Biografie und Historie auf diese Weise miteinander zu verweben ist eine wirkungsvolle Strategie, wann immer es darum geht, Einigkeit zu demonstrieren und große Ideen oder Projekte in die Lebenswelt der Menschen zu übertragen.

Akzentuierung der Kernbotschaft durch Mehrsprachigkeit

Demselben Ziel – Einigkeit und eine tiefe Verbindung zu demonstrieren – diente auch die wahrscheinlich augenfälligste und am meisten beachtete rhetorische Strategie, die Macron an diesem Tag wählte: Er hielt Teile seiner Rede auf Deutsch.

Die Absicht hinter dieser – trotz Macrons guter Deutschkenntnisse vor den Augen eines vorwiegend deutschen Millionenpublikums durchaus gewagten – Entscheidung erschließt sich, wenn man betrachtet, welche Teile der Rede Macron auf Deutsch hielt: den Anfangs- und den Schlussteil, während er den Mittelteil auf Französisch vortrug. Dabei handelt es sich generell um die Teile einer Rede, die die meisten Aufmerksamkeit von den Zuhörenden bekommen, denn hier sind Neugier und Konzentration am höchsten.

Macron wird gewusst haben: Die auf Französisch gehaltenen und simultan gedolmetschten Teile seiner Trauerrede würden eher untergehen, wie es diese Form der politischen Ansprache bei internationalen politischen Veranstaltungen so an sich hat. Auch wenn sie so geschickt in eine größere politische Erzählung eingeflochten ist wie in diesem Fall, versetzen biografische Rückblicke das Publikum selten in große Spannung. Zugleich gehören sie bei einer Trauerrede insbesondere im Rahmen eines Staatsakts nun mal zum guten Ton. Macron wusste: Er vergab sich und seiner Botschaft nichts, indem er diesen Teil der Rede in seiner Muttersprache hielt.

Seine alles überspannende Botschaft, die deutsch-französische Freundschaft auch in Zukunft als zentrales Bindeglied Europas zu betrachten, trug er gezielt auf Deutsch vor. Er wusste, dass er diesem wichtigsten Aspekt seiner Rede damit besondere Aufmerksamkeit verschaffen würde. Hier ein Auszug aus den letzten Minuten der Rede, der zugleich wiederum eine biografisch-historische Parallele zieht:

Der Lebensweg dieses großen Deutschen, dieses großen Europäers zeigt uns, dass er die Veränderungen seines Landes und die Umsetzung des europäischen Projekts seit jeher als ein Ganzes verstand. Diese untrennbare Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich ist die Formel, die Gleichung, durch die unsere beiden Länder nach dem Zweiten Weltkrieg aufblühen konnten. {…} Das Leben von Wolfgang Schäuble war geprägt durch ein Davor und ein Danach: davor der Weltkrieg, danach die Aussöhnung; das Leben vor dem Anschlag auf ihn und das Leben danach; das geteilte Deutschland davor und das wiedervereinte Deutschland danach; Europa vor dem Angriff auf die Ukraine und danach. Nun beginnt ein neues Danach für uns, ein Danach ohne Wolfgang Schäuble. Nehmen wir dieses Erbe an, und seien wir auf der Höhe dieser Aufgabe.“

Auch in dieser Hinsicht war Emmanuel Macrons Trauerrede auf Wolfgang Schäuble rhetorisch lehrreich: Jeder, der eine wichtige Rede zu halten hat, macht sich ausgiebig Gedanken darüber, was es zu sagen gibt und was sich angesichts der Redezeit möglicherweise wegzulassen lohnt. Darüber, wie und vor allem wann innerhalb einer Rede bestimmte Inhalte am besten platziert werden können, um der Kernbotschaft maximale Aufmerksamkeit zu verschaffen, wird oft nicht ausreichend bedacht.

Narrative leben nicht nur von der Geschichte allein; auch das Timing der Kernaussagen spielt eine große Rolle. Das hat Emmanuel Macrons Rede auf Wolfgang Schäuble in eindrucksvoller Weise unter Beweis gestellt.

Das vollständige Transkript der Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron zum Trauerstaatsakt für Wolfgang Schäuble am 22. Januar 2024 können Sie hier lesen.

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